Reflexion post eventum: Nachdenken als philosophischer Ansatz von Nikolaus Lobkowitz
Die Konzeption des "Nachdenkens" (Nachdenken) bei Nikolaus Lobkowitz (geb. 1931) stellt nicht einfach einen philosophischen Ansatz dar, sondern ist ein Eckpfeiler seines hermeneutischen Ansatzes, eine besondere Position des Denkens, die bewusst von utopischer Zukunftsgestaltung distanziert und auf die Verständigung über das Geschehene ausgerichtet ist. Dieser Ansatz, der im Kontext der Kritik am Marxismus und den totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde, betont Bescheidenheit, Verantwortung und historische Konkretizität des philosophischen Geistes.
Wesen des Nachdenkens: Verzicht auf Spekulation zugunsten der Reflexion
Der Begriff Nachdenken (wortwörtlich "Nach-Verstand") von Lobkowitz stellt sich zwei anderen Modi des Denkens gegenüber:
Spekulatives Denken (Vordenken, "Vor-Verstand"). Dies ist ein Denken, das versucht, der Realität Gesetze vorzuschreiben, die Zukunft aus a priorischen Schemata zu konstruieren (Hegelianismus, Marxismus, jede utopische Ideologie). Seine Gefahr liegt in der Gewalt gegen die Konkretizität der Geschichte und der individuellen Freiheit, in der Vertauschung des lebendigen Erlebnisses durch eine abstrakte Modell.
Analytisches Denken (Zerdenken, "Zer-Verstand"). Charakteristisch für die positive Wissenschaft: Zerlegung des Ganzen in Teile, Suche nach kausalen Beziehungen. Es ist notwendig, aber unzureichend, um den Sinn von Ereignissen, ihre Bedeutung für den Menschen, zu verstehen.
Nachdenken ist der dritte Weg: eine nachdenkliche, unaufgeregte Verständigung über das, was bereits geschehen ist, mit dem Ziel, nicht "wie?" zu verstehen, sondern "was das bedeutet?" und "was uns das lehrt?". Dies ist ein Denken, das:
Das Ereignis als gegeben annimmt, ohne es rückwirkend "korrigieren" oder in eine Schema anpassen zu versuchen.
Die Freiheit der Beteiligten des Ereignisses respektiert, indem anerkannt wird, dass ihre Handlungen nicht durch die ...
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